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Kalkulation
gehört
zum Geschäft!
Wie
heißt es so schön: Vor, dem Spiel ist nach dem Spiel. Nach
dem Nummer Eins-Album "Don't Give Me Names" und einer zweiwöchigen
US-Tour mit Creed und Sevendust zieht GUANO APES-Schlagzeuger Dennis Poschwatta
Zwischenbilanz Ein VISIONS-Gespräch über Kritik, Kalkulation
und Kommerz.
Drummer Dennis
Poschwatta macht es sich am Telefon gemütlich. "Warte, ich hol'
mir jetzt erst mal ein Bier." Das zweite Guano Apes-Album "Dont
Give Me Names" belegt zum Zeitpunkt dieses Interviews (Mitte
Mal) immer noch Platz Eins der deutschen Charts. Aus der vermeintlichen
Eintagsfliege ist ein dicker Brummer geworden, zumal die Pole Position
auch noch in Österreich und in Portugal erreicht wurde. Ein Erfolg,
mit dem Dennis nicht in seinen kühnsten Träumen gerechnet hätte.
"Als ich anfing, Musik zu machen, wollte ich immer mal eine Goldene
Schallplatte an der Wand hängen haben. Dann wurden es gleich mehrere."
Da es "Proud Like A God" trotz der immensen Verkäufe
'nur' auf Platz Fünf der Charts schaffte, ist jetzt auch der zweite
Traum von der Nummer Eins in Erfüllung gegangen. Eigentlich könnte
man meinen, dass die Göttinger sich jetzt entspannt zurücklehnen
und den Erfolg genießen könnten. Doch Dennis interveniert sofort
- jetzt finge es doch erst richtig an, meint er. Man dürfe sich nicht
auf den Lorbeeren ausruhen, für eine Zwischenbilanz müsse dennoch
die Zeit reichen. Und in diesem Zusammenhang macht der Apes Drummer, im
'richtigen Leben' gelernter Bankkaufmann, aus seinem Herzen keinen Mördergrube.
Schon in Miami (siehe VISIONS Nr. 87) konnte man den Eindruck gewinnen,
dass die vier Göttinger keineswegs ein Blatt vor den Mund nehmen,
wenn es um Meinungsbildung und/oder Selbstreflexion geht. Wo andere Bands
ihre Rollen in der Medienlandschaft perfekt spielen, sind die Mitglieder
der Guano Apes privat nicht wirklich anders. Ein kleines Beispiel: Die
vernichtende Kritik in der Mai-Ausgabe eines großen deutschen Musikmagazins
erregte die Gemüter innerhalb des Bandgefüges. Speziell in Deutschland
haben es einheimische Musiker, sollten sie denn auch noch erfolgreich
sein, nicht besonders leicht, was die Medienakzeptanz angeht. Das Klischee
vom Propheten, der im eigenen Lande nichts zählt, scheint wieder
einmal bedient zu werden.
Aber sollte man als Person des öffentlichen Lebens nicht irgendwann
mal mit der Tatsache Frieden geschlossen haben, dass mit dem stetigen
Wachsen des Erfolgs auch die Zahl der Kritiker zunimmt? Dennis hat seine
eigene Theorie: "Ich halte so etwas einfach für keinen guten
Journalismus, eigentlich für gar keinen. Dieses Intellektuellen-Geschwafel
bedeutet für mich nur eins: Abgrenzung von allen anderen Medien.
Das ist sehr unsachlich und ungerechtfertigt." Berechtigter, fundierter
Kritik stehe die Band eigentlich sehr offen gegenüber, manchmal brauche
das Ganze allerdings etwas Zeit, gibt er unumwunden zu.
Auch beim nächsten Gesprächspunkt kann Dennis die Fragestellung
nachvollziehen: Es geht um das Marketing-Konzept hinter "Big In
Japan". Von außen betrachtet scheint es ein genialer Schachzug
zu sein: Eigentlich gibt es den Song (auf dem Pop 2000 Sampler)
schon sehr lange auf dem Markt, dann erscheint er als Single, die Band
geht aber in den Interviews zur neuen Platte mit dem Fakt hausieren, die
Single käme nicht aufs Album, so dass die Fans die Single selbstredend
kaufen mussten. Jetzt ist er aufgrund der Hitsingle-Zugkraft natürlich
trotzdem auf "Don't Give Me Names" enthalten. Müssen
sich die Leute da nicht verarscht fühlen? Oder anders gefragt: Kann
und muss man in diesen Zeiten Erfolg so knallhart kalkulieren? "Natürlich
war das kalkuliert das gehört zum Business. Wäre die Single
draußen nicht angenommen worden, wäre der Song auch nicht auf
die Platte gekommen. Das Schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass
die Plattenfirma für diesen Fall keinen Plan B in der Schublade hat."
Dennis benutzt, "ein blödes Wort, ich weiß", das
Adjektiv 'konsumentenorientiert'. "Ganz ehrlich, wir machen die Musik
ja nicht nur für uns. Dann nämlich kannst du auch zu Hause bleiben
und die Songs deiner Katze vorträllern."
Es sei blödsinnig zu glauben, dass Musiker, die auf einer Bühne
stünden, keinen Erfolg haben wollten, sinniert Dennis weiter. Deshalb
beschweren wir uns auch nicht über die ganzen Nebenerscheinungen
des Erfolgs." Als Pessimist und jemand, der den Medien ein objektives
Urteil aberkennt, ist der Schlagzeuger dennoch von der positiven Resonanz
auf "Don't Give Me Names" überrascht, "Ich
habe damit gerechnet, dass noch mehr vorgeschriebene Kritiken wie die
oben erwähnte ans Tageslicht kommen würden."
Über die man sich letztendlich auch nicht aufregen würde. "Ich
stehe hinter dieser Platte", sagt er. "Natürlich lese ich
jede Kritik, man kann ja auch manchmal etwas daraus lernen. Zeig' mir
denjenigen, der sich - egal auf weicher Ebene - im Leben nicht verbessern
will." Mittlerweile dürfte es allerdings schwierig geworden
sein, den Überblick über die Medienpräsenz der Apes zu
behalten. Auch Dennis stellt fest, dass es "unmöglich ist, alles
mitzubekommen. Früher hat man sich über jede kleine Erwähnung
gefreut, heute ist das Ganze Routine."
Informations- und Options-Overkill? Mit Sicherheit. Der Mainstream hat
die Apes vereinnahmt, keine Frage. Wichtig ist, was Aufmerksamkeit erregt.
Egal wo. Wo es früher schöne Schubladen gab, regiert heute die
allgemeine Vielfalt. Eine Sendereihe, bzw. ein Konzept wie eben 'Pop 2000',
also die Aufspaltung, Kategorisierung und Definierung einzelner Popkulturen
und -Phänomene, dürfte es in einigen Jahren sehr schwer haben.
Dennis sieht das genauso: "Für mich gibt es keine Zielgruppen
mehr. Ich mache Musik für mich und für jede Altersschicht, nicht
zielgruppenorientiert. Wenn nicht, hätte ich wahrscheinlich einen
Imageberater."

Ein gutes Stichwort. Wenn man die jüngst erschienenen Artikel über
die Guano Apes quer liest, fällt auf, dass der Begriff 'Image' nur
in einem Zusammenhang fällt: Es gibt keins. Kann man das so stehen
lassen? Dennis: "Kommt auf die Definition von Image an, Wir versuchen
kein Image zu haben, sondern bodenständig zu bleiben." Wie auch
schon in Martin lordanidis' Artikel (VISIONS
Nr. 86) zu lesen war, hat Dennis bis heute Schwierigkeiten, sich
selbst als 'Rockstar' zu sehen.
Wobei auch das wiederum eine Definitionssache sein dürfte. Schließlich
gibt es keine Ausbildung zu diesem Beruf, sondern nur die Berufung. Man
kann das Ganze trotzdem steuern", meint Dennis. "Uns wurde am
Anfang Interview-Training angeboten; was wahrscheinlich manchmal nicht
schlecht gewesen wäre." Um es vorsichtig zu formulieren: Bei
einigen Apes-TV-Interviews hat man häufig das Gefühl, die Vier
seien gerade erst frisch aus dem Zeltlager vor die Kameras gezerrt worden.
Dennis stimmt zu: "Manchmal sind wir echt saublöde. Wir haben
eben kein Interview-Training gemacht. Vor TV-Kameras benehmen wir uns
eigentlich so, wie wir privat auch sind. Natürlich entwickeln sich
im Laufe der Jahre schon die einen oder anderen Floskeln, die man parat
hat, aber dann kommen auch wieder Dinge, wo's scheißegal ist. Aber
genau das macht das Ganze doch spannend. Müsste ich vorher in meiner
Interviewfibel nach lesen, was ich zu sagen habe, wird es zum Job. Und
das ist blöd."
Wobei die wirklich interessanten Interviews oder Gespräche manchmal
sowieso dann stattfinden, wenn sich gerade kein Aufnahmegerät in
der Nähe befindet. Im Idealfall also ein Tresengespräch unter
gleichberechtigten Partnern, was aber im Laufe der letzten Jahre äußerst
selten geworden ist. Dennis stimmt zu: "In Musikerkreisen zirkuliert
ja das Vorurteil, dass Musikjournalisten zu 90 Prozent gescheiterte Musikerexistenzen
sind, die ihren Kollegen die Fähigkeit Musik zu machen absprechen."
Er wisse manchmal auch nicht, welche Tonart gerade gespielt würde,
gibt er mit einem Lachen zu, aber das muss ich auch nicht. Ich bin Schlagzeuger,
ich gucke aus dem Bauch heraus. Die Leute da draußen wissen doch
zu 99 Prozent auch nicht, was da genau gespielt wird. Ein Beispiel: Ein
Kumpel saß neulich bei mir und wollte sich partout nicht zu einer
Meinung über das neue Album bringen lassen, weil er es angeblich
nicht beurteilen könne. So ein Quatsch! Musik ist immer noch Gefühls-
und Bauchsache, entweder sie gefällt oder sie gefällt nicht.
Ein Song gefällt mir persönlich am besten, wenn ich dabei Gänsehaut
bekomme."
Durch die Überpräsenz in den Medien sind die Halbwertzeiten
guter Songs - oder besser gesagt: von Hits - in den letzten Jahren drastisch
gesunken. "Big In Japan", die Alphaville-Coverversion,
ist auch so ein Beispiel. Nervt es Dennis, wenn die Leute irgendwann an
den Punkt kommen, wo sie schon beim Namen der betreffenden Band, im schlimmsten
Fall natürlich seiner eigenen, die Ohren auf Durchzug stellen? "Ich
finde es schade. Wenn es bei uns einen Hit gibt, dann machen sie ihn tot.
Dann macht es keinen Spaß mehr."

In den Staaten
sei die Radiokultur eine andere, führt er weiter aus. Nichts Neues
möchte man meinen, aber wenn man selbst mitbekommen hat, wie sich
die Guano Apes speziell in Florida einen Namen gemacht haben, dann bekommt
diese Wertung auf einmal einen anderen Stellenwert. Dort werden Hits noch
gemacht und nicht nur auf die Charts geschaut.
Natürlich kommt einem so etwas leicht von den Lippen, wenn man gerade
von einer äußerst erfolgreichen US-Tour zurückgekehrt
ist. Im Nachhinein habe sich das Abenteuer USA mehr gelohnt als beim letzten
Mal, bilanziert Dennis. "Wir haben auf der Creed-Tour mehr Leute
erreicht als mit P.O.D. im letzten Jahr, das ist klar. Es gab aber nicht
nur große Gigs vor zigtausenden Fans, sondern auch Einzel-Shows
vor 25 Leuten - von denen dann aber am Ende des Gigs zehn ein T-Shirt
gekauft haben."
Die fetten Shows seien auch überhaupt kein Grund zum Abheben, und
die kleineren eher lehr- und hilfreich. "Bei uns ist es leider so,
dass wir auf der Bühne noch professioneller werden müssen. Auch
wenn einer mal keine Lust hat, muss trotzdem gerockt werden. Vielleicht
bräuchten wir für so etwas mal einen Imageberater oder jemanden,
der uns in den Arsch tritt. Bei Sevendust und Creed haben wir uns einmal
selbst sozusagen zur Vorgruppe degradiert: Stefan hatte keine Lust, Sandra
war auch nicht gut drauf.. Vor besagter Einzelshow mit 25 zahlenden Gästen
haben wir uns hingesetzt und dann das Haus gerockt. Wir hatten auf der
Bühne wieder Spaß. Es war wichtig zu sehen, dass man durch
Interaktion als Band auch viel mehr an das Publikum weitergeben kann."
Eine, Erkenntnis, die sich auf besagtem Festival in Miami bestätigt
hat: Irgendwie scheint der Trend, mag man ihn denn so nennen, zurück
zum Entertainment zu gehen. Selbst Bands wie Creed, eigentlich dem Alternative-Lager
zuzurechnen, bieten den Leuten auch optisch wieder mehr: Pyrotechnik,
Mitsingparts, große Gesten etc... Ob das jetzt zu begrüßen
ist oder nicht, mag geschmacksabhängig sein, aufgefallen ist es aber
auch Dennis: "Zur Grunge-Zeit hatten die ganzen Kapellen nur kleines
Besteck, wie ich das nenne. Die Schlagzeuge waren klein und minimalistisch,
selbst die Gitarristen und Bassisten hatten nie mehr als einen Verstärker
auf der Bühne. Bei Sevendust und auch bei Lit war das glatte Gegenteil
der Fall. Die haben aufgefahren, was das Zeug hielt."
Wie schon erwähnt, der zweiwöchige Ausflug in die Staaten hat
sich für die Band mit Sicherheit mehr gelohnt als die fünfwöchige
Ochsentour mit P.O.D., wobei Dennis trotzdem relativieren muss: Menschlich
gesehen hat es mit P.O.D. mehr Spaß gemacht, weil es damals nicht
unbedingt diese Trennung Hauptact/Vorgruppe gab. Bei einigen Creed-Shows
hat man uns schon spüren lassen, das wir kleine Nummern sind. Wenn
man zum Beispiel den Backstage-Gang räumen muss, damit die Creed-Jungs
auch in Ruhe auf die Bühne gehen können, finde ich das schon
ziemlich behämmert."
Private Kontakte bat es im großen Rahmen wohl nicht gegeben, auch
wenn der eine oder andere Smalltalk "sehr nett" gewesen sei.
Wahrscheinlich hat auch die den Amerikanern angeborene Oberflächlichkeit
dazu geführt, dass den Apes so manche peinliche Diskussion erspart
geblieben ist. Stichwort Texte: Speziell "Lords Of The Boards"
mit seinen lyrischen Fehltritten ist (nicht nur in Journalistenkreisen)
mittlerweile ein Running Gag. "Klar, aber drüben haben sie dazu
nichts gesagt. Es gab allerdings einige E-Mails, in denen sich die Leute
darüber beschwert haben, dass sie Sandra nicht verstanden hätten."
Ansonsten hat Dennis sein Urteil über die USA längst gefällt.
"Amiland ist das Land der wichtigen Leute, selbst der Parkwächter
ist wichtig." Abschließend noch eine Frage: In Miami bekam
ich mit, wie sich Sandra über den ständig bemühten Vergleich
mit Skunk Anansie aufregte, "Am Anfang waren wir natürlich sehr
geschmeichelt, mit einer so guten Band verglichen zu werden. Aber als
Combo willst du immer originell sein und bleiben, willst deinen eigenen
Sound kreieren. Mit dieser Platte haben wir das wahrscheinlich geschafft,
und deswegen sind Sandras Reaktionen verständlich. Und wenn jetzt
andere Newcomer-Bands wie beispielsweise Eat No Fish mit uns verglichen
werden, regen die sich natürlich auch darüber auf. Zu Recht,
wie ich finde. Solche Vergleiche hinken immer. Man sieht das auch am Erfolg
oder Nichterfolg dieser Bands. Das ganze Business hat also doch noch eine
Menge mit Glück zu tun und ist nicht kalkulierbar. Die Leute kaufen
eben doch nicht alles."
Autor:
Jörg Staude
Fotos: Dirk Schelpmeier
... aus VISIONS
7/2000
Mit freundlicher Genehmigung!
(Dank
an Thor!)
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