
... und ewig lockt das Weib!
Gleich zweimal mußten die Guano Apes zum Interview gebeten werden.
Nachdem beim ersten Mal nur die männliche Instrumental-Riege der Band zugegen war, mußte nach einer intensiven Live-Inspektion auch Frontfrau Sandra Nasic vors Mikrofon. Denn Guano Apes ohne Sandra ist wie Windsurfen auf dem Dorfweiher bei Flaute.
Erfreulich: Dem Erfolg der Guano Apes geht kein Hype und keine immensen Werbeeinsätze der Plattenfirma voraus, anscheinend geht es also doch noch, daß sich eine Band nur über ihre Musik nach vorne spielen kann.
Auch beim zweiten Interview-Termin Mitte November ahnten weder Sandra noch die Plattenfirma, daß sich "Proud Like A God" in die Top 100 der Charts und in die Herzen nicht nur der discover-Leser spielen würde. Und als die Fakten im Januar feststanden, hatten sich die Guano Apes auf einen kommunikationsmittelfreien Bauernhof zurückgezogen, um in aller Ruhe und Abgeschiedenheit neue Songs einzuspielen. Die einzige Reaktion von der Band, die in Erfahrung zu bringen war: riesengroße Freude.
Die Tatsache, daß zur Stunde des großen Triumphes bereits wieder an neuem Material gearbeitet wird, kommt nicht unbedingt unerwartet. Denn das Einüben neuer Songs ist wohl auch das Resultat mehrerer Kritiken nach ihrer ersten Konzert-Tour im Herbst mit eigenen Gigs und dem Support für die Bloodhound Gang.Sandra verschließt sich nicht, wenn man sie mit Kritik konfrontiert: "Man darf nicht vergessen, daß es unser Debüt-Album ist und die Tour im vorigen Herbst war unsere erste. Beim zweiten Album werden wir wahrscheinlich mehr darauf achten, daß das live besser umzusetzen ist. Einige Songs von "Proud Like A God" sind sehr schwierig, Stefan hat manchmal richtige Frickelarbeit am Baß zu erledigen, vereinzelte Song-Strukturen sind da schwer live rüberzubringen. Das würden wir mit Sicherheit nicht noch einmal so machen. Andererseits werden auch die bisherigen Songs für mich mit der Zeit immer besser und vertrauter."
Das geht Stefan und Henning hoffentlich genauso, denn beim Support-Gig der Bloodhound Gang waren sie einfach zu scheu am Werke. Henning schaute fast nur verkrampft auf seine Gitarre und Stefan wäre, so hatte es den Anschein, am liebsten mit Baß im Nebenraum verschwunden. Lediglich Drummer Dennis wirbelte wie ein Verrückter, aber wen interessiert die Show eines Drummers, wenn er im dunklen Hintergrund sitzt.
"Manchmal denke ich auch, daß die Jungs etwas mehr Show machen könnten, aber es ist nun mal nicht jedermanns Naturell, auf der Bühne rumzuhüpfen. Ich mache mein Ding und die anderen drei machen ihr Ding und wenn sie nicht mithüpfen wollen, dann ist mir das auch egal. Aber ich glaube nicht, daß unsere Songs zu schwach sind, bei unserer ersten Konzert-Reise waren sie einfach nur teilweise chaotisch aufeinander abgestimmt, die Stimmungen wechselten zu rasch. Dem fetzigen "Open Your Eyes" folgte mit "Pain" ein ruhigeres Stück und gleich darauf ging es mit "Crossing The Deadline" wieder ab." Was auf dem Album abwechslungsreich klingt, funktionierte live eben nicht unbedingt.
Einen Monat und viele Konzerte später ist das alles Steinzeit. Die Setlist ist in einer Art evolutionärem Prozeß auf den richtigen Stand mutiert, Sandra muß nicht mehr nach jedem Song ihr emotionales Kostüm wechseln. Der ganz normale Lernprozess einer jungen Band, der schon an diesem Abend erste Früchte trägt. Denn der Zufall will es, daß ich Sandra unmittelbar vor der WDR-Rockpalast-Aufzeichnung der Guano Apes treffe. Der Gig ist dann auch das Beste, was ich nach Skunk Anansies Auftritt auf dem Bizarre Festival von einer Band mit Frontfrau 1997 gesehen habe.
Denn auch Basser Stefan Ude und Gitarrist Henning "Teddy" Rümenapp strafen Sandra und mich Lügen. Ihr Vorhandensein auf der Bühne verdient zumindest in guten Ansätzen das Prädikat "Show". Ob's an den Kameras lag? "Nein, wir waren heute einfach nur besonders gut drauf. Das Publikum war toll und sowas reißt uns eben mit."
Henning braucht eben eine gewisse Portion Enthusiasmus vom Publikum, um auf Touren zu kommen. Sandra hingegen agiert scheinbar autark. Sie versinkt in ihre eigene Welt, die aus den Songs besteht, die sie gerade interpretiert und das schlägt sich bei den Zuhörern nieder. Es ist schwer, sich ihrem Bann zu entziehen.
Ein Vergleich mit Skin von Skunk Anansie drängt sich fast unweigerlich auf, auch wenn man weiß, daß Sandra das nervt. "Früher habe ich mich enorm darüber aufgeregt, wenn uns jemand mit Bands, die eine Frontfrau haben, verglichen hat. Am Blödesten fand ich die Vergleiche mit No Doubt, denn der ihr Sound hat nun überhaupt nichts mit uns zu tun. Das Einzige was ich mit Gwen gemeinsam habe, ist, daß wir beide Mädels sind und blonde Haare haben, aber deshalb vergleiche ich ja auch nicht Mike Patton mit Pavarotti. Akzeptieren kann ich, wenn mir jemand sagt, meine Stimme klinge wie die von Nina Hagen. Weil das wohl auch stimmt und ich Nina Hagen als Frau klasse finde."
Trotzdem ist unzweifelhaft, daß Sandra im Blickpunkt des Interesses steht, da sie nun mal als Sängerin die Hauptrolle spielt. "Es stimmt nicht, wenn die Medien behaupten, die Songs wären alle auf mich zugeschnitten. Wir sind eine Band und komponieren die Songs für eine Band. Manche Lieder sind auch auf den Schlagzeuger zugeschnitten. Es ist nicht so, daß ich alle Songs schreibe oder ihnen meinen Stempel aufdrücke."
Aber sie muß die Songs interpretieren und das gelingt ihr auch bei denen, die angeblich auf den Schlagzeuger zugeschnitten sein sollen. The Reason why: "Ich stehe hundertprozentig hinter allen unseren Songs."
Diese Einstellung vermittelt Sandra perfekt. Deshalb gelang es den Guano Apes auch vor einem derart chaotischen Haufen wie der Bloodhound Gang das Publikum trotz der Nervosität von Stefan und Henning und obwohl sie nicht angekündigt waren zu überzeugen. "Zuerst dachten wir, da hilft nur das Versprechen auf Freibier für alle, aber dann haben wir doch nur unsere Musik gespielt und es hat geklappt. Das liegt daran, daß wir keine Schubladen-Musik machen und nicht in eine feste Kategorie passen. Wir sind auch mal tagsüber beim Göttinger Stadtfest aufgetreten. Da stand eine Omi mit weißen Löckchen vor uns und hat nach ein paar Minuten voll mitgeswingt - was man bei denen eben so abgehen nennen kann. Und neben der Omi stand ein kleiner Käppie-Träger und der fand's auch geil. Die Jungs von der Bloodhound Gang waren ebenfalls begeistert, Jimmy Pop Ali meinte sogar, bei uns wäre jeder Song ein Hit."
Ob Jimmy Pop Ali von der Show oder begreiflicherweise mehr von Sandra begeistert war, will sie nicht verraten, nur so viel: "Mein Freund ist sehr sportlich."
Schade eigentlich, aber jetzt ist ihr Freund nicht da und ich weiß ohnehin schon, was sie heute abend vor hat. Am Anfang ihrer eigenen Herbst-Tour mußte sich Sandra wegen ihres Aussehens und ihrer Kleidung ("das trage ich nicht, weil Gwen das anzieht, das ist eben bequem und man trägt so was nun mal heute") vom Publikum noch Sprüche wie blöder No Doubt-Verschnitt anhören, doch die Rufer sind längst verstummt. "Meistens waren die spätestens nach einer halben Stunde ruhig, das ist bei uns so die Zeit, die wir brauchen, um mit einem Publikum, das uns überhaupt nicht kennt, warm zu werden. Deshalb ist ein halbstündiger Support-Gig für uns auch scheiße. Wenn das Publikum gerade auf unseren Zug aufgesprungen ist, fahren wir in den Bahnhof ein. Das ist blöd für alle."
Beim abendlichen Rockpalast-Gig geht alles schneller. Der kleine Saal im E-Werk ist gut gefüllt und schon nach dem zweiten Song ist der Guano Apes-Express samt Publikum auf den Spuren des Transrapid. Vielleicht liegt es auch daran, daß zuvor mit Lucilectric eine Band am Start war, die wirklich niemand mehr braucht. Doch solche Überlegungen sollen die überzeugende Leistung der Guano Apes nicht schmälern. Das Repertoire wurde übrigens an diesem Abend schon durch den Song "Lords Of The Boards", der zur Zeit in Clubs Furore macht, erweitert. Es ist zugleich der offizielle Titelsong der diesjährigen Snowboard-Europameisterschaft, eine weitere Ehrung und Anerkennung für die Guano Apes durch die "Skater-Szene", denen sie wohl in erster Linie den Erfolg verdanken.
Zum Beinahe-Eklat kommt es während des Interviews, als Sandra ihre Hose mit Kaffee bekleckert. Schließlich ist es die Hose, mit der sie heute abend vor laufender Kamera den Gig absolvieren muß. Doch auch ohne Ersatzhose ("Ich habe nur zwei Hosen und beide sehen gleich aus") bleibt Sandra locker. "Das ist ein gutes Zeichen." Stimmt.
Doch trotz aller Lockerheit, die Guano Apes haben sich vom Status eines Feierabendprojektes verabschiedet. "Wir wollen die Band professionell gestalten. Es ist schon längst kein reines Lustobjekt mehr, obwohl wir noch immer viel Spaß gemeinsam haben."
Dennoch sind die Guano Apes keine Band mit vier dicken Freunden. "Anfangs haben wir sogar recht wenig gemeinsam unternommen. Mittlerweile ist es schon etwas mehr geworden. Bei Musikern ist das eben immer etwas schwierig. Am Anfang muß sich erstmal jeder irgendwie beweisen, aber wenn das gegenseitige Beschnuppern vorüber ist und man merkt, daß aus der Sache was werden kann, rottet man sich schon zusammen. Wir haben die Schranke jetzt übersprungen und haben es geschafft, daß wir uns vertrauen. Es ist fast wie in einer Familie und ich denke, es klappt auch nur so bei uns als Band."
Fast schon zu bescheiden sind Sandras Wünsche für die Zukunft mit den Guano Apes: "In Deutschland fahren doch alle in puncto Rock-Musik mit angezogener Handbremse den Berg herauf. Ich bin schon froh, wenn ich meine Miete von der Musik bezahlen kann. Und eine dritte Hose."aus: DISCOVER April/99
Text: Ralph Buchbender
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