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„This time I don’t need anyone to believe in me...“

Man sagt, es sei einfacher wegzubleiben als wiederzukommen. Besser, auf dem Höhepunkt abzutauchen als einen Tiefpunkt zu riskieren. Und so betrachten wir die Rückkehr einer Band, die sich auf dem Höhepunkt ihres Erfolges (und in diesem Fall mit zwei goldprämierten Nummer-1-Alben in Folge) zurückgezogen hat, stets mit einer Mischung aus Spannung und morbider Faszination. Bringen sie es wirklich noch? Und sind sie in der Lage, einfach wieder aufzutauchen und abzurocken?

Im Rock’n’Roll spricht man eine eigene Sprache: „Musikalische Differenzen“ bedeuten hier, dass mit dem wachsenden Reichtum auch die Probleme größer geworden sind, und „Soloprojekte verfolgen“ heißt, dass die Bandmitglieder den gegenseitigen Anblick nicht mehr ertragen können. Eine Mischung mit gewaltiger Sprengkraft, die jederzeit hochgehen kann. Aber mit einer kleinen Optimierung hier und etwas Aufklärung da kann das chemische Gleichgewicht wiederhergestellt werden und zu unglaublichen Resultaten führen. Und wenn wir ehrlich sind, wollen wir es doch gar nicht anders. Nimm der Musik die Emotionen und alles, was bleibt, ist Stille. Jetzt wird es endlich wieder laut. Es ist höchste Zeit für die Rückkehr der Guano Apes.

Als sie vor über zehn Jahren in der Szene auftauchten, galten die Apes als der langersehnte, frische Wind, der endlich wieder Leben in die schläfrige und von alten Männern dominierte Rockszene bringen sollte. Die Guano Apes klangen so frisch und strahlten so hell wie Neuschnee in den Alpen – ein Bild, das sie mit ihrer Single „Lords of the Boards“ noch verstärkten, für die sie sich in todesmutiger Entschlossenheit die Hänge hinunterstürzten. Die Single verkaufte sich mehr als eine Viertelmillion Mal.

Es war fast so, als hätten die Guano Apes eine eigene Gattung von Gitarrensongs erschaffen, was sie auch direkt für sich in Anspruch nahmen. Ihren Griff lockerten sie erst, als die schon erwähnten Schwierigkeiten zur sehr öffentlich zelebrierten Trennung der Band führten. So unaufhaltsam sie wirkten, stoppten sie sich am Ende selbst – und so unglaublich es auch sein mag: es schien keine andere Band in den Startlöchern zu warten, um ihre Stellung zu übernehmen. Vielleicht ist das der Grund, warum sie so sehr vermisst wurden und warum ihre Rückkehr ebenso sehnsüchtig erwartet wird. Wie zum Beispiel in Portugal, wo sie bei ausverkauften Konzerten für mehr als 20.000 Zuschauer die ziemlich beeindruckenden Fußstapfen für die post-Nirvana Generation ausfüllten, oder in entlegenen Gegenden wie Sibirien, wo sich 10.000 Fans auf das Konzert der Apes in diesem Jahr freuen.

Die Guano Apes – wiedervereinigt in der Besetzung, die ihnen den größten Erfolg bislang bescherte (Henning Rümenapp, Dennis Poschwatta, Stefan Ude und Sandra Nasic) – sind eines dieser ganz seltenen Phänomene: Eine deutsche Band mit internationalem Erfolg. Ihr Debütalbum „Proud Like A God“ allein erreichte, angetrieben von der Hitsingle „Open Your Eyes“, in zahlreichen Ländern Gold- und Platinstatus und führte die Band für 18 Monate auf Tour durch Europa und die USA. Selbst als die Apes sich schon lange zurückgezogen hatten, erwies sich die Single „Big In Japan“ als self fulfilling prophecy und wurde 2009 zur offiziellen Hymne des Formel 1 Grand Prix von Japan. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Plan, wieder gemeinsam Musik aufzunehmen, bereits Formen angenommen. Wenn du dein Comeback planst, ist eines ganz klar: Du musst mindestens so gut sein wie vor deinem Abschied, wenn nicht sogar besser. Du willst schließlich Ali sein und nicht Foreman. Es ist daher eine ganz besondere Freude, dass die Guano Apes tatsächlich noch energiegeladener, klarer und fitter als je zuvor klingen. Und sie kommen mit ungeheurer Schlagkraft.

Bel Air, der berühmteste Stadtbezirk von Los Angeles („ein Teil der Stadt, aber auch abseits von ihr" – wie einmal in der L.A. Times geschrieben wurde), ist für das neue Album titelgebend. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Band bewusst neues Territorium betreten und nicht bei ihren alten Mustern bleiben will. Von den hymnenartigen Meeren in „When The Ships Arrive“ bis zum spielerischen Ausflug zu „Sunday Lover“ wird Sandras außergewöhnliche Vocal Performance von einer laserscharfen Rhythmussektion begleitet, mit der die Band die Bühne mit neuer Kraft zurückerobern wird.

Die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Jon Schumann hat sich als sehr fruchtbarer Schritt erwiesen. Seine geniale Arbeit mit Bands wie Carpark North, Mew und Kent hat ihm schon Grammys in Schweden und seinem Heimatland Dänemark eingebracht. Dazu kommen der dreifache Grammy-Gewinner Tom Lord-Alge (U2, Coldplay, Oasis und Pink sollten hier als Referenzen genügen), Terry Date (Pantera, Soundgarden) und Randy Staub (z.B. Metallica, Nickelback), die das Album abgemischt haben. Das Ergebnis ist eine neu belebte Band, die besser klingt als je zuvor. Und mehr als das: Ein Gefühl der Selbstsicherheit umgibt die Musiker, als hätten sie aus den manischen Taten der Vergangenheit gelernt und ihren eigenen abgesteckten Raum erschaffen, in dem sie ihre Musik schreiben und spielen können; ohne all die Berater, Skeptiker und Schleimer, die bei einer jungen Band, die gerade erst zu sich selbst findet, so viel Verwirrung anrichten können. Wenn Sandra Nasic singt „This time I will make sure you won't feel insecure“ („Diesmal werde ich dafür sorgen, dass du dich nicht unsicher fühlst“), spricht sie zu sich selbst und zu ihrer Band genauso wie zu dem Publikum, das mit ihrer Musik aufgewachsen ist. Vielleicht ist „Fire in Your Eyes” eine unterschwellige Anspielung auf „She Sells Sanctuary“ von The Cult – einer Band, die nicht gerade für ihre Zurückhaltung bekannt ist – und es scheint wirklich so, als seien die Guano Apes jetzt zu allem bereit. Das Feuer in ihren Augen lodert hell!



Frühjahr 2011